Zwischen Suppenküche und Salon
Achtzehn Berlinerinnen

 

 

Irma Hildebrandts Kunst des Kurzporträts

„Achtzehn Frauenporträts legt Irma Hildebrandt vor, keines länger als acht Seiten. Jedes ist subtil eingestimmt auf die Persönlichkeit, die es, um ein Bildporträt ergänzt, zur Darstellung bringt, von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis heute. Bekannte und weniger bekannte Pionierinnen sind es, in den verschiedensten Lebensbereichen und Berufen, ‚gelernte’ oder gebürtige Berlinerinnen.

Schillernden, atmosphärisch evokativen Miniaturen gleich, gewähren die kurzweiligen Porträts Einblicke in die jeweiligen sozialen, kulturellen und politischen Verhältnisse Berlins. Chronologisch zur Reihe geordnet, lassen sie deren Entwicklung verfolgen bis hin zum Auseinanderbrechen der Stadt in zwei oppositäre Gesellschaftssysteme.

Vorrangig aber interessieren sie als informative, kompetent präsentierte Zeugnisse gelebter Frauenemanzipation, einschliesslich des Kampfs um politische Rechte. Ein Korsett feministischer Ideologie sucht man indes vergeblich. Weibliche Selbstbestimmung spricht für sich selber, löst Bewunderung aus. Bewunderung trägt auch Hildebrandts Darstellungen; einfühlend schildert sie vielfältige Frauenstärke, liebevoll, aber ohne Verklärung. Schwächen und Kanten feilt sich nicht weg.

Von Madame du Titre, der ‚Berliner Celebrität’ von französischer Eleganz und dennoch kess derbem Mundwerk, geht es über Rahel Varnhagens Dachstuben-Salon, Königin Luise und die pazifistische Feministin Hedwig Dohm zur angriffig-tatkräftigen Pädagogin Helene Lange. Louise Schroeder, die Bürgermeisterin der Trümmerstadt, die in der Zerreissprobe der Blockade 1948/49 ihre Frau stand, wird porträtiert, und ‚Mutter Courage’ Helen Weigel. Den Schluss machen Ingeborg Drewitz, deren Leben und Schreiben sorgsam differenzierend neben die Sozialutopistin Bettine von Arnim gestellt wird, und Christa Wolf als ‚Kassandra’ nicht nur des ‚real gelebten Sozialismus’, nicht nur der DDR.

Gehörige Durchsetzungskraft brauchen sie alle, im Privaten, und / oder in der Öffentlichkeit: ob Künstlerin, ob Ärztin zu einer Zeit, da deutsche Universitäten Frauen noch verschlossen waren. Für auffallend viele der Porträtierten ist ‚Selbstverwirklichung’ mit sozialem Engagement verknüpft. Mit Suppenküchen und anderen sozialen Einrichtungen (Lina Morgenstern) wird Hunger und hilflosem Elend der frühindustriellen Arbeiterklasse der Kampf angesagt. Sozialarbeit wird zum Beruf (Alice Salomon) und ist in der Praxis zunehmend begleitet von politischem Bewusstsein. Irma Hildebrandt schöpft hier ganz offenkundig aus dem Vollen. Doch weiß sie die Informationsflut geschickt zu dämmen und gezielt in die individuell gestalteten Lebensläufe einzuknüpfen. So macht sie lebendige Miniaturen daraus.

Neue Zürcher Zeitung

zum Seitenanfang

vorherige Seite      

nächste Seite

Mit Porträts dieser Frauen:

Madame du Titre

Rahel Varnhagen

Königin Luise

Fanny Mendelssohn

Lina Morgenstern

Hedwig Dohm

Franziska Tiburtius

Helene Lange

Lily Braun

Käthe Kollwitz

Alice Salomon

Marie Elisabeth Lüders

Tilla Durieux

Claire Waldoff

Louise Schroeder

Helene Weigel

Ingeborg Drewitz

Christa Wolf

Irma Hildebrandt
Zwischen Suppenküche und Salon
18 Berlinerinnen

144 Seiten mit 18 Bildern
ISBN 3-424-00895-8

Diederichs Kabinett, München 1987

7. Auflage 1995

 

Buchauszug drucken