Frauen mit Elan

30 Porträts von Rosa Luxemburg bis Doris Dörrie

 

 

Mit dem Aufkommen der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert gab es erstmals eine Solidarisierung all derer, die gemeinsame Ziele verfolgten: politische, soziale oder kulturelle. In Zürich promovierte 1874 die erste Schweizer Ärztin, Marie Heim-Vögtlin, und schlug so eine Bresche für die Zulassung von Frauen zum Medizinstudium. Wenig später erreichte die Pädagogin Helene Lange die Einrichtung von Gymnasialkursen für Mädchen in Preußen. Lily Braun forderte 1895 als erste deutsche Frau öffentlich das Frauenwahlrecht, eine Forderung, die die scharfzüngige Juristin Anita Augspurg unterstützte. In unseren Tagen setzte sich die Psychologin Eva Rühmkorf als erste Frauenbeauftragte der Bundesrepublik für die Belange ihrer Geschlechtsgenossinnen ein.

Schon 1919 zog die sozial engagierte Staatswissenschaftlerin Marie Elisabeth Lüders in den Reichstag ein. In Bayern führte Toni Pfülf um 1930 ihren tragisch endenden Kampf gegen die Nationalsozialisten. In Österreich hat sich Freda Meissner-Blau  mit ihren Aktionen zur Rettung der Donau-Auen besonders profiliert. Heutige Großstadtprobleme hat die Oberbürgermeisterin von Frankfurt am Main, Petra Roth, zu bewältigen. In Berlin sorgt Marianne Birthler  für die Aufarbeitung von Unterlagen aus DDR-Zeiten. Dieses Ende eines sozialistischen Experimentes hätte sich die für eine Herrschaft des Proletariats kämpfende Rosa Luxemburg nicht träumen lassen. Sie bezahlte ihren revolutionären Einsatz 1919 mit dem Leben.

In ständiger Lebensgefahr schwebten im Dritten Reich Frauen mit nicht rein arischem Stammbaum. So die mit Berufsverbot belegte Komponistin und Hindemith-Schülerin Felicitas Kukuck. So Ida Dehmel, die Muse Stefan Georges und Richard Dehmels. So die Literaturagentin Ruth Liepman im holländischen Widerstand. So die Schauspielerin Anja Lundholm, die das Frauen-KZ Ravensbrück überstanden hat - eine der letzten Zeitzeuginnen.

Dass das >schwache Geschlecht< zupacken kann, hat sich spätestens in den Kriegs- und Nachkriegstagen gezeigt. In so genannten Männerberufen haben sich Frauen längst ihren Platz erobert. So 1959 Liselotte von Rantzau-Essberger als Herrin über eine weltweit agierende Tankerflotte. In München Frieda Sembach-Krone als Direktorin des traditionsreichen Zirkus Krone. In Frankfurt verwirklichte Liesel Christ ihren Traum vom eigenen Theater.

Die späteren Generationen haben nicht mehr mit nackter Existenznot zu kämpfen, aber Wagemut und Durchsetzungsvermögen brauchen auch sie: Regina Ziegler, die erfolgreichste Filmproduzentin Deutschlands; Maria Jepsen, die erste lutherische Bischöfin der Welt; Birgit Breuel, Chefin der EXPO 2000; Irene Schulte-Hillen, Managerin der Deutschen Stiftung Musikleben; und als Jüngste die Regisseurin und Autorin Doris Dörrie, die keinem Experiment abgeneigt ist.

Erstaunlich, wie es eigenwilligen Frauen immer wieder gelungen ist, neben starken, dominierenden Partnern ein Eigenleben zu entfalten. Katharina Kippenberg, Frau des Leipziger Verlegers Anton Kippenberg, als Mentorin Rilkes und Johannes R. Bechers. Die Wiener Modeschöpferin Emilie Flöge überraschte ihren Gefährten Gustav Klimt mit eigenen Kreationen. Friederike Mayröcker hatte nie Schwierigkeiten, sich neben ihrem vitalen Dichtergefährten Ernst Jandl ihre eigene lyrische Welt aufzubauen, während die Leipziger Schriftstellerin Elsa Asenijeff, Muse des Bildhauers Max Klinger, an dessen Untreue zerbrach.

In Zürich hätte sie eine Anlaufstelle gefunden bei Hulda Zumsteg, der legendären Wirtin der Kronenhalle. In Berlin war die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz Anlaufstelle für Menschen, die mit dem Leben nicht zurechtkamen. Die Vizepräsidentin des PEN wollte mit Worten und Taten >Mauern eindrücken<.

Von unsichtbaren Mauern erdrückt fühlte sich Mileva Einstein-Maric, Albert Einsteins Mitarbeiterin und Ehefrau. Während der geniale Physiker in Berlin eine glanzvolle wissenschaftliche Karriere aufbaut, sitzt sie mit dem nervenkranken Sohn Eduard allein in bedrückenden finanziellen Verhältnissen in Zürich. Sie hat ein tapferes Leben geführt - das hätte im Einsteinjahr 2005 eine öffentliche Würdigung verdient.

 

 

zum Seitenanfang

vorherige Seite

nächste Seite

 

Mit Porträts dieser Frauen:

Marie Heim-Vögtlin

Helene Lange

Anita Augspurg

Lily Braun

Rosa Luxemburg

Mileva Einstein-Maric

Toni Pfülf

Marie Elisabeth Lüders

Liselotte von Rantzau-Essberger

Freda Meissner-Blau

Eva Rühmkorf

Birgit Breuel

Petra Roth

Maria Jepsen

Marianne Birthler

Elsa Asenijeff

Ida Dehmel

Emilie Flöge

Katharina Kippenberg

Hulda Zumsteg

Ruth Liepman

Felicitas Kukuck

Frieda Sembach-Krone

Anja Lundholm

Liesel Christ

Ingeborg Drewitz

Friederike Mayröcker

Regina Ziegler

Irene Schulte-Hillen

Doris Dörrie

Irma Hildebrandt
Frauen mit Elan
30 Porträts von Rosa Luxemburg bis Doris Dörrie

448 Seiten, Hardcover, Sonderausgabe, 30 Fotos

ISBN 3-7205-2650-x

Diederichs, Kreuzlingen/München 2005

Frauen mit Elan haben eines gemeinsam:

Sie gestalten ihre Welt eigenwillig und engagiert, mit Fantasie und Durchsetzungskraft - ob in der Politik, der Wirtschaft, der Sozialarbeit, der Kunst oder der Literatur. Irma Hildebrandt zeichnet ein lebendiges Bild von Streiterinnen für Frieden, berufliche Entfaltung und künstlerische Freiheit.

 

 

 

 

 

 

Buchauszug drucken